Zeitgemäße Prüfungsformate im KI-Zeitalter / Was sichtbar wird, wenn nicht nur das Produkt, sondern auch der Denkprozess zählt

 

Was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler bei einer Schulaufgabe mit KI arbeiten dürfen?

Vor einigen Wochen stellte mir meine 8. Klasse eine Frage, die ich nicht erwartet hatte:

„Müssen wir die KI wirklich benutzen? Das ist ganz schön anstrengend.“

Normalerweise hören Lehrkräfte eher das Gegenteil.

KI gilt als Abkürzung, als Vereinfachung, als Werkzeug, das Arbeit spart. Manche sehen in ihr einen Spickpartner, andere eine Sekretärin, die Formulierungen liefert, Fehler korrigiert und Aufgaben schneller erledigt.

Doch meine Schülerinnen und Schüler erlebten etwas anderes.Und nach der Korrektur von 25 Aufsätzen glaube ich zu verstehen, warum.

Im Rahmen der dritten Schulaufgabe im Fach Deutsch sollten die Schülerinnen und Schüler einen textgebundenen Aufsatz (TGA, Bayern) zu einer Reportage verfassen. Sie mussten die Merkmale der Textsorte nachweisen, die Sprache analysieren und im Schluss begründet Stellung beziehen. Zusätzlich sollten sie ihren Arbeitsprozess transparent dokumentieren.

Die KI durfte dabei als Lernpartner für die zweite Überarbeitung genutzt werden. Wichtig war jedoch: Vor dem Einsatz der KI mussten die Schülerinnen und Schüler ihren Text zunächst selbstständig überarbeiten.

Mithilfe einer Sketchnote überprüften sie Wiederholungen, Kommasetzung, Überleitungen, die Wirkung sprachlicher Mittel, Zeilenangaben und Formulierungen. Erst danach durfte die KI eingesetzt werden.

Die erste Überraschung zeigte sich bereits bei der Auswertung der Arbeiten. Von den 25  Aufsätzen haben nur 13 Schülerinnen und Schüler tatsächlich mit KI gearbeitet. Viele erreichten die KI-Phase gar nicht oder verzichtete bewusst darauf. Die Gründe dafür waren vielfältig. Einige nannten Zeitmangel. Andere fühlten sich im Umgang mit KI noch unsicher. Wieder andere wollten bewusst zeigen, was sie selbst können.

„Mir war wichtig, meine eigenen Ideen und Formulierungen zu nutzen und zu zeigen, was ich selbst kann.“

Eine andere Schülerin schrieb:

„Ich fühle mich etwas unwohl, mit etwas zu schreiben, das kein Mensch ist.“

Diese Aussagen haben mich beeindruckt. Sie zeigen weder Technikbegeisterung noch Technikablehnung: Sie zeigen Reflexion!

Die zweite Überraschung war noch spannender. Die Qualität der Arbeiten hing nicht davon ab, ob KI genutzt wurde. Sie hing vielmehr davon ab, wie sorgfältig die Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Text überarbeitet hatten. Beim Korrigieren wurde immer wieder sichtbar, dass Wiederholungen erkannt, Kommafehler gefunden, Überleitungen ergänzt und Formulierungen verbessert wurden. Selbst bei schwächeren Arbeiten zeigte sich häufig: Die Fehler wurden erkannt, auch wenn sie noch nicht vollständig behoben wurden.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Wer einen Fehler erkennt, hat bereits begonnen, über sein eigenes Denken nachzudenken.

Vor der Korrektur dachte ich, die spannendste Frage wäre:

Was macht die KI mit den Texten?

Heute würde ich eine andere Frage stellen:

Was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler lernen, ihren eigenen Text kritisch zu betrachten?

Die stärkste Kompetenz, die in dieser Schulaufgabe sichtbar wurde, war nicht die Analyse, sondern die selbstständige Überarbeitung ohne KI. Viele Schülerinnen und Schüler konnten Fehler erkennen, Kriterien anwenden, Entscheidungen treffen, Verbesserungen umsetzen und ihren Arbeitsprozess transparent dokumentieren. Genau diese Fähigkeiten bleiben in klassischen Schulaufgaben oft unsichtbar. Dort sehen wir nur das Endprodukt. Wir sehen nicht, welche Schwierigkeiten aufgetreten sind, welche Fehler erkannt wurden oder welche Entscheidungen die Lernenden während des Schreibprozesses getroffen haben.

Natürlich wurde auch deutlich, wo die größten Entwicklungsfelder liegen.

Besonders schwierig war für viele Schülerinnen und Schüler die Erklärung der Wirkung sprachlicher Mittel.

Viele schrieben:

„Hier gibt es einen Vergleich.“

Aber nur wenige erklärten:

„Der Vergleich verdeutlicht ..., wodurch beim Leser ... entsteht.“

Auch die Analyse des Satzbaus wurde häufig vergessen. Die Schülerinnen und Schüler erkennen bereits viele sprachliche Merkmale. Die eigentliche Analyse gelingt jedoch noch nicht immer.

Nach 25 korrigierten Arbeiten bin ich deshalb überzeugt:

Zeitgemäße Prüfungen sollten nicht nur das fertige Produkt bewerten.

Sie sollten auch sichtbar machen,

  • wie Lernende Entscheidungen treffen,

  • wie sie mit Feedback umgehen,

  • wie sie Fehler erkennen,

  • wie sie ihren eigenen Lernprozess steuern.

Genau das wurde in dieser Schulaufgabe sichtbar. Die KI war dabei nicht der Motor des Lernens. Der Motor war der strukturierte Überarbeitungsprozess. Die KI war lediglich eine mögliche zusätzliche Ressource innerhalb dieses Prozesses. Das bestätigt sich auch in den Ergebnissen.

Die erfolgreichsten Schülerinnen und Schüler waren nicht automatisch diejenigen, die KI genutzt haben. Die erfolgreichsten Schülerinnen und Schüler waren diejenigen, die ihren eigenen Text kritisch hinterfragt, überarbeitet und verbessert haben.

Je mehr Arbeiten ich korrigierte, desto mehr verschob sich mein Blick.

Am Anfang interessierte mich vor allem die Frage, wie die Schülerinnen und Schüler die KI nutzen würden.

Nach 25 korrigierten Aufsätzen halte ich diese Frage nicht mehr für die wichtigste.

Viel spannender finde ich inzwischen die Frage:

Wie lernen Schülerinnen und Schüler, ihren eigenen Text zu überarbeiten?

Denn genau das wurde sichtbar. Die KI spielte dabei eine Nebenrolle.

Die eigentliche Hauptrolle spielte die Lernarchitektur:

  • klare Kriterien,

  • transparente Schritte,

  • Zeit für Überarbeitung,

  • Reflexion über Entscheidungen,

  • Verantwortung für den eigenen Text.

Aus der Perspektive von Jean-Pol Martin bestätigt sich für mich damit einmal mehr die Rolle der Lehrkraft als Gestalterin von Lernarchitekturen. Meine Aufgabe bestand nicht darin, bessere Texte zu schreiben als die Schülerinnen und Schüler. Meine Aufgabe bestand darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie selbst bessere Texte schreiben konnten.

Die Ergebnisse zeigen: Viele Schülerinnen und Schüler konnten Fehler erkennen, Verbesserungen vornehmen und ihren Lernprozess reflektieren, selbst dann, wenn sie die KI gar nicht genutzt haben.

Meiner Meinung nach liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis dieser Schulaufgabe.

Die Zukunft von Bildung entscheidet sich nicht daran, ob Schülerinnen und Schüler KI verwenden. Sie entscheidet sich daran, ob sie lernen, Verantwortung für ihr eigenes Denken zu übernehmen. Und die Arbeiten bestätigen etwas, das die Schülerinnen und Schüler bereits vor der Schulaufgabe gespürt hatten:

„Mit KI arbeiten ist anstrengender.“

Heute würde ich diesen Satz anders formulieren:

Nicht die KI war anstrengend. Anstrengend war die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Text.

Anstrengend war es,

  • Fehler zu suchen,

  • Entscheidungen zu treffen,

  • Formulierungen zu überdenken,

  • Wirkung zu erklären,

  • den eigenen Text kritisch zu betrachten.

Genau dort fand Lernen statt. Und genau deshalb ist diese Schulaufgabe für mich weit mehr als ein Experiment mit KI. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Lernen sichtbar werden kann. Vielleicht ist sie auch ein Beispiel für ein zeitgemäßes Prüfungsformat.

Denn geprüft wurde nicht nur, was Schülerinnen und Schüler wissen.

Sichtbar wurde auch,

  • wie sie mit Feedback umgehen,

  • wie sie Entscheidungen treffen,

  • wie sie Fehler erkennen,

  • wie sie ihren eigenen Text überarbeiten,

  • wie sie Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.

Im Mittelpunkt standen Denken, Urteilen und Überarbeiten. Genau diese Kompetenzen werden in einer Welt immer wichtiger, in der Wissen jederzeit verfügbar ist. 







Die Zukunft von Prüfungen liegt deshalb nicht darin, KI auszuschließen, sondern darin, Lernprozesse so zu gestalten, dass Denken sichtbar wird.


Transparenz gehört für mich dazu: Wie die Schülerinnen und Schüler habe auch ich diesen Beitrag mit KI als Schreibpartner verfasst. Die KI half beim Strukturieren und Schärfen der Gedanken, die Beobachtungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen stammen aus der Analyse der Schülerarbeiten und Reflexionen.

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